Die Wechsler im Tempel

Fotos Jens Meyer

Blick vom Michel auf den Großneumarkt
Schlachterstrasse, Großneumarkt 1945

Fotos aus dem Buch Hamburg 1945

Hamburg Grosse Bleichen Foto Jens Meyer 1966

Blick vom Michel auf die Englische Planke, Böhmkenstrasse, Hohler Weg (Foto vom 08. Mai 2008 von Helmut Schönberger Lahr)

Hamburg November 1945

Sir Arthur Harris Chef der Bomberpiloten

Abschrift aus der LichtBildBühne (LBB)

Abschrift des Artikels aus der Lichtbildbühne (LBB) vom Montag, d. 30. Januar 1933:

“Hermann Urich-Saß zum Gedenken

Wie im größten Teil unserer Sonnabend-Ausgabe mitgeteilt, ist Hermann Urich-Saß am Freitag abend im blühenden Alter von 45 Jahren einem Herzschlag erlegen. Seine Beerdigung findet heute Montag, d. 30. Januar, 3 Uhr nachmittags, in Hamburg Ohlsdorf auf dem Israelitischen Friedhof statt. Tief erschüttert steht die Fachwelt des Films vor dieser furchtbaren Kunde. Einer der an Schaffensdrang und an Erfolg reichsten Pioniere ist mitten aus der Blüte der Jahre und der Arbeit aus dem Sein gerissen worden. Hermann Urich-Saß – ein Name, der nicht nur mit dem stolzen Henschel-Film- und Theaterkonzern in Hamburg, sondern mit dem deutschen Lichtspielwesen überhaupt untrennbar verbunden war und bleibt. Sein Lebenswerk: Hamburgs Schauburgen. Neun Theater. Außerdem drei andere Kinos, die zum Konzern gehören. Ein rundes Dutzend maßgebender Filmstätten, das betreut und verwaltet sein mußte. . . . Und Hermann Urich-Saß, unterstützt von einer Reihe tatkräftiger Mitarbeiter wie seinem Schwager und Sozius Hugo Streit und den Brüdern Traugott, verwaltete seinen Besitz mit Umsicht, gesellschaftlichem Weitblick, Klugheit und Wagemut. Wie hätte sich sonst der Henschel-Konzern zu einem der größten und führendsten Deutschlands entwickeln können! Das konnte nur durch einen Menschen geschehen, der seinem Unternehmen auch den Stempel seiner Persönlichkeit aufzuprägen verstand. Wie als Unternehmer so war Hermann Urich-Saß eine Persönlichkeit auch als Mensch. Seinem bescheidenen Charakter lag es nicht, hervorzutreten und nach außen hin eine Rolle zu spielen. Um so mehr trat sein Können in den Auswirkungen seiner Arbeit in Erscheinung. Streng in der Pflichterfüllung gegen andere und vor allem gegen sich selbst. Der korrekte Hamburger Kaufmann. Voll Ausdauer und Ehrgeiz und voller Vitalität, der er die Verwirklichung seiner Pläne verdankte. Ein Charakter voll Zuverlässigkeit. Ein Mann von untadeliger Gesinnung. Einer, dem Hochschätzung und Sympathien bis über das Grab hinaus bei allen sicher ist, die ihm, wie wir, in langen Jahren näher treten durften. Hätte er diese Eigenschaften nicht besessen, er wäre niemals Konzern-Beherrscher geworden. So aber erntete er bald die Erfolge seiner Arbeit; es dauerte nicht lange und er landet seinen ersten großen Schlag: Auf dem Trichtergelände am Millerntor will er ein Großkino bauen lassen. Das war, in Anbetracht der damaligen Zeit ein beinahe phantastisches Projekt. Er verwirklichte es: im Februar 1927 wurde die Schauburg Millerntor eröffnet. Und nun folgen rasch aufeinander jene großen Bauprojekte, die Hamburg aufhorchen ließen, und die den Namen des Henschel Film- und Theaterkonzerns so bekannt machten. Nachdem das ehemalige Astoria-Theater in den Besitz von Saß übergegangen und den Namen Schauburg Barmbeck erhalten hatte, folgte der Neubau Schauburg Nord. Später (das ehemalige Alhambra-Theater war inzwischen zur Schauburg Uhlenhorst geworden) wurden innerhalb von 3 Jahren die Schauburgen Hammerbrook, Wandsbeck und Hamm erbaut. Auch Altona bekam eine Schauburg. In Harburg erwarb der Henschel-Konzern zwei Theater, den Gloria Palast und das Union-Theater. Die beiden Innenstadtkinos, Schauburg Hauptbahnhof und City Theater vervollständigen die Reihe der Henschelbesitzungen. In dem Zeitraum von wenigen Jahren also hatte sich Hermann Urich-Saß vom kleinen Kinobesitzer zum Inhaber des größten Hamburger Lichtspieltheater-Konzern emporgearbeitet. Der 45jährige hatte damit ein Werk vollendet, auf das er nicht nur mit Stolz blicken durfte, sondern das er weiter mit seinem Geiste hätte erfüllen und ausbauen können. Ein vergängliches Menschenleben ist nicht mehr, – aber sein Werk lebt!“ (Aus Lichtbildbühne (LBB) vom 30.01. 1933)

Foyer Schauburg Millerntor

Tiere sehen Dich an (1)
von links Hugo Streit und Hermann Urich Sass
von links Hugo Streit Hermann Urich Saß

Cópia do LichtBildBühne em 30 de janeiro de 1933 Hermann Urich-Saß em memória

Conforme comunicado na maioria de nossa edição de sábado, Hermann Urich-Sass sucumbiu a um batimento cardíaco na noite de sexta-feira, aos 45 anos de idade. Seu funeral acontecerá hoje segunda-feira, 30 de janeiro, 15h, em Hamburgo Ohlsdorf, no Cemitério Israelita. O mundo profissional do filme está profundamente abalado por esse cliente terrível. Um dos pioneiros mais ricos em desejo e sucesso criativos foi arrancado de ser no meio da florada de anos e trabalho. Hermann Urich-Saß – um nome que estava e permanece inextricavelmente ligado não apenas ao orgulhoso grupo de cinema e teatro Henschel em Hamburgo, mas também à indústria cinematográfica alemã. O trabalho de sua vida: os castelos de espetáculos de Hamburgo. Nove teatros. Além disso, outros três cinemas pertencentes ao grupo. Uma dúzia de locais de filmes relevantes que precisavam ser supervisionados e gerenciados. . . . E Hermann Urich-Sass, apoiado por vários funcionários ativos, como seu cunhado e sócio Hugo Streit e os irmãos Traugott, administrava sua propriedade com cuidado, previsão social, prudência e ousadia. De que outra forma o Grupo Henschel poderia se tornar um dos maiores e líderes da Alemanha! Isso só poderia ser feito por uma pessoa que sabia como estragar sua empresa em sua personalidade. Como empresário, Hermann Urich-Saß era uma personalidade como pessoa. Não era seu caráter humilde se destacar e desempenhar um papel externamente. Além disso, suas habilidades se tornaram evidentes nos efeitos de seu trabalho. Rigoroso no desempenho de tarefas para com os outros e, acima de tudo, contra si mesmo: o comerciante correto de Hamburgo. Cheio de perseverança e ambição e cheio de vitalidade, a que devia a realização de seus planos. Um personagem cheio de confiabilidade. Um homem de disposição impecável. Alguém que tem certeza de apreço e simpatia além da sepultura por todos que, como nós, conseguem se aproximar dele há muitos anos. Se ele não tivesse essas qualidades, nunca teria se tornado um governante corporativo. Mas assim ele logo colheu o sucesso de seu trabalho; Não demorou muito para que ele desse seu primeiro grande golpe: ele queria ter um grande cinema construído no local do funil no Millerntor. Em vista do tempo, esse foi um projeto quase fantástico. Ele percebeu: o Schauburg Millerntor foi inaugurado em fevereiro de 1927. E agora esses grandes projetos de construção, que fizeram Hamburgo prestar atenção e que tornaram tão conhecido o nome do grupo de cinema e teatro Henschel, se sucedem rapidamente. Depois que o antigo Astoria Theatre se tornou propriedade de Sass e recebeu o nome Schauburg Barmbeck, o novo edifício Schauburg Nord se seguiu. Mais tarde (o antigo Alhambra Theatre tornou-se Schauburg Uhlenhorst), os castelos Hammerbrook, Wandsbeck e Hamm foram construídos em três anos. Altona também ganhou um castelo de espetáculos. Em Harburg, o Grupo Henschel adquiriu dois teatros, o Gloria Palast e o Union Theatre. Os dois cinemas da cidade, Schauburg Hauptbahnhof e City Theatre, completam a série de propriedades de Henschel. No espaço de alguns anos, Hermann Urich-Sass passou de um pequeno dono de cinema para o dono da maior companhia de teatro de Hamburgo. Assim, o jogador de 45 anos completou um trabalho que ele não apenas se orgulhava de ver, mas que poderia ter continuado a realizar e expandir com seu espírito. Uma vida humana efêmera não existe mais, mas seu trabalho vive! ”(De Lichtbildbühne (LBB) de 30 de janeiro de 1933)

Gänsemarkt 1940 Rechte Seite Lessing Theater und Tanzdiele Faun

Apropos Kleidergrösse

»Ja, der Innenminister hat meine Kleidergrösse!«

Diesen Satz hat der Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt, der Schauspielerin Katja Danowski, die die stellvertretende Staatsanwältin Agnes Sonntag in dem Film »Mörderische Jagd« von Markus Imboden spielt, in das Drehbuch geschrieben. Wer den Satz sucht, findet ihn in der 82 Minute, kurz vor Ende des Filmes. Wunderbar. Es gibt nicht viele, die in Deutschland solche Drehbücher verfassen können. Obwohl Herr Schmidt hat auch schon mal danebengehauen, wie wir uns erinnern.

Daneben gehauen: Nebel im August, Pressevorführung im Abaton, 23. August (2016) 10.00 Uhr. Regie: Kai Wessel, Drehbuch: Holger Karsten Schmidt; Produzent: Ulrich Limmer, Start am 29. September 2016. Ein Presseheft ohne Starttermin, das ist selten. Das Heft ist aufwendig gestaltet. Vier- Farb -Druck, 31 Seiten, viele Fotos. In den Texten wimmelt es von deutscher Betroffenheitslürick, so will ich das mal nennen: “Bewegendes Drama”, “Tatsachenroman” (was ist das?), “tief beeindruckend” und anderen sprachlichen Lapsen. (ist das wirklich die Mehrzahl von Lapsus?) Nur ein Beispiel: ”Das Drehbuch legte Ulrich Limmer in die Hände des erfahrenen Holger Karsten Schmidt”. Das kann man sich richtig vorstellen. Aber warum? Erschüttert und berührt sollen wir sein. Leider stellt sich das Gegenteil ein. Sogar eine Zeittafel ist auf einer Seite abgedruckt. Sie beginnt mit dem 30. Januar 1933 und endet mit dem 8. 5. 1945, das Datum ist bekanntlich das offizielle Datum für die “Kapitulation des Deutschen Reiches”, wie das Presseheft noch mal in Erinnerung bringt. Kurz, das Presseheft sieht so aus, als wenn die Bundeszentrale für politische Bildung dieses selbst hergestellt hätte. Und der ist es bekanntlich egal, wann so ein Film in die Kinos kommt, also gestartet wird und ob er dort Erfolg haben kann oder eben nicht. Schließlich haben es die Besucher, die die Hefte der Bundeszentrale für politische Bildung in der Hand haben, nicht in der Hand, wenn sie das Kino verlassen wollen. Kino ist in diesem Zusammenhang keine unterrichtsfreie Zeit. Und wenn man vorzeitig geht, wirkt sich das auf die Fehlzeiten im Zeugnis aus. Nun ist das Presseheft das eine und der Film das andere. Am Anfang des Filmes wird dem Hauptdarsteller der Kopf rasiert. (Vermutlich, wegen der Läuse, die sich auf seinem Kopf befinden), was durch eine Sequenz vorher signalisiert wird. (Stellt sich die Frage: Gab es damals noch keinen Goldgeist?). Aber während der Dreharbeiten wachsen die Haare auch nicht nach und am Ende, als der Junge umgebracht wird, ist er noch genauso kahl geschoren, wie am Anfang. Aber es fehlt die Szene einer erneuten Rasur, aus der man erkennen würde, um welche Art Maßnahme es sich bei der Kopfrasur handelt. Nebensächlichkeiten. Die Mörder, die hier gezeigt werden, sind eindeutige Sympathieträger, obwohl sie doch eigentlich Mörder und Mörderinnen sind. Eine bildhübsche Krankenschwester vermischt das Gift mit Himbeersaft, damit die Kinder das nicht wieder ausspucken. Die gute Krankenschwester ist nicht halb so hübsch. Der Obermörder ist eben auch ein guter Mensch, der liebevoll mit den Kindern spielt, bevor er sie umbringen lässt. Und er ist der etwas weniger hübschen Krankenschwester auch gedanklich weit überlegen. Weist er sie doch auf den Widerspruch hin, dass es nicht besonders konsequent sei, sich gegen den Abtransport mit dem LKW in die Gaskammern nicht zu wehren, aber dann, wenn der Mord im Haus selbst vorgenommen wird, plötzlich dagegen zu opponieren. Ja, gar die Sache hintertreiben und mögliche Todeskandidaten auch noch zu verstecken. Da kommt die Krankenschwester ins Grübeln und der Zuschauer auch. Nein, dieser hier ist ein moderner Nazi. Einer mit “innovativen Methoden”, wie man das heute nennen würde. So ist er der Erfinder der Suppe, der durch langstündiges Kochen sämtliche Nährstoffe und Vitamine entzogen werden, so dass, wie er stolz verkündet, “der Patient gefüttert wird und dabei verhungert”. Das spart teure Medikamente, die sonst für die Ermordung eingesetzt werden müssten. Die deutsche Bürokratie, an einem großen Tisch versammelt, ist begeistert. Ich finde, der Film ist in eine Falle gelaufen, die er sich selbst gestellt hat. Und warum die Haare des Hauptdarstellers, der den Ernst Lossau spielt, nicht während der Dreharbeiten nachwachsen, bleibt leider in der Dunkelheit des Drehbuchs verborgen. Ergebnis: die NSDAP war eben doch eine fortschrittliche Partei, die schon damals Sachen gedacht und gemacht hat, die erst heute wieder bei uns salonfähig werden. Und diese Wirkung haben die Produzenten des Filmes mit Sicherheit nicht beabsichtigt, aber erreicht. Nur das mit dem Nebel im August, das wird uns nicht klar. Sollte es sich eventuell um den Nebel handeln, den Ulrich Limmer mit diesem Film unbeabsichtigt, vermute ich mal, erzeugt. Wie war das noch?

Er hat das Drehbuch in die Hände des erfahrenen Holger Carsten Schmidt gelegt. Was zu zwei Fragen ermuntert: War es da schon fertig? Und wenn, sei die Frage gestattet, ob die Arbeit Drehbücher zu schreiben wirklich nur Handarbeit ist? Manchmal gehört sicher auch ein wenig Kopfarbeit dazu, die wir hier leider vermissen. Jens Meyer, 23. August 2016 (Da ist mir doch noch eingefallen wo Holger Karsten Schmidt daneben gehauen hat. Aber vermutlich ist er daran gar nicht schuld. Man muss ja auch für die Brötchen arbeiten. (Jedenfalls hat er andrerseits bewiesen, dass er kann, wenn er will und gelassen wird, Herr Limmer!)

In Norwegen gesehen
Creative commons.org
cc
Zeichnung Helga Bachmann

Wolfgang Ziemssen (1928 – 2012) über Persilscheine (I)

Abschrift aus: Wie man einen verlorenen Krieg gewinnt (Seite 280) »Persilscheine«

PDF Abschrift Persilscheine

Römische Zahlen

Zum Thema Persilscheine: Sich Freikaufen von der Vergangenheit

“Jeder zweite, der in Kiel vor die Spruchkammer kam, hatte einem Juden das Leben gerettet, einen Demokraten vor dem KZ bewahrt und war ein geheimer Gegner der Nazis gewesen. Die Fragebögen wurden en masse* gefälscht. Neben der Wand mit den Tauschzetteln hingen jeden Tag die Anschläge der Militärregierung: »Wegen falscher Angaben wurde bestraft . . . «. Auf die Frage, wo der Schwarzhandel am besten gedeihe, erhielt man damals zur Antwort: am Bahnhof und vor der Spruchkammer! Da wurden – je nach Belastungsstufe – Kartoffeln, Eier, Mehl, Margarine, Hühner und Karnickel gegen »Persilscheine« getauscht. Gegen Bezahlung in Naturalien kaufte man sich frei von der Vergangenheit. Oder die alten Nazis legten einfach einen von den Spruchkammern errechneten Betrag auf den Tisch und waren von diesem Moment an keine Nazis mehr. Die als »Mitläufer« eingestuften zahlten etwa 200 RM; das juckte keinen, da das Geld ohnehin nichts wert war. Bloß die Kleinen, die Block- und Zellenleiter hat man rangenommen und als Trümmerauguste eingesetzt, während die vermögenden Pgs schon wieder in den Vorzimmern der Militärregierung saßen und auf ihre Lizenz warteten und frische Brötchen aus kanadischen Mehl aßen. Kein Wunder, daß uns die Entnazifizierung als Farce erschien!“

(Wolfgang Ziemssen 1928-2012, ehemaliger Marineflak-Helfer in Kiel, dann Bauhilfsarbeiter, später Schauspieler. (Tonbandprotokoll)

* en masse = in besonders grosser Menge

Holsatia Werke

Holsatia 1912 -1945 . Gründer und Inhaber war Julius Neumann (1869 – 1930). Der zweite Besitzer war Erich Buchholz (1893 – 1932). Julius Neumann und Erich Buchholz waren Juden.

Adressbuch Altona 1930 Straßenverzeichnis Arnoldstraß 16-20
Adressbuch Altona 1930, Straßenverzeichnis Arnoldstraße 16-20

1912 Holsatia Neumanns Spezial Möbel Fabrik Arnoldstrasse 16 – 20 Geschäftsführer Julius Neumann 1925 Holsatia Werke Neumann Arnoldstrasse 22 1926 Holsatia Werke Neumann KG auf Aktien Arnoldstrasse 3/5 1927 Holsatia Werke Neumanns Holzbearbeitungsfabriken Aktiengesellschaft (A. G.) Arnoldstr. 3 /5 1928 Holsatia Werke Neumanns Holzbearbeitungsfabriken Aktiengesellschaft (A. G.) Arnoldstr. 3 /5 1929 Holsatia Werke Neumanns Holzbearbeitungsfabriken Aktiengesellschaft (A. G.) Arnoldstr. 3 /5 1930 Holsatia Werke Aktiengesellschaft (A. G.) Kluckstrasse 4 (E = Grundeigentümer aus dem Adressbuch von Altona) 1933 Holsatia Werke Aktiengesellschaft Kluckstrasse 4 / Kruppstrasse 59 1935 Holsatia Werke Aktiengesellschaft, Kruppstrasse 57/59

Vermutlich ein Foto von Julius Neumann dem Gründer und deren erster Besitzer der Holsatia Holzbvearbeitungsfabrik

Folgende Vermutung liegt nahe: Bei dem Unternehmen, von dem Dimitry Rostowsky (Dimitry Rostowsky Zwangsarbeiter bei der Firma Holsatia; verschleppt aus der Ukraine nach Deutschland) erzählt hat, handelt es sich um die ehemals jüdische Fabrik, die 1912 unter dem Namen Holsatia Neumanns Spezial Möbel Fabrik, von dem jüdischen Unternehmer Julius Neumann, Arnoldstr. 16 – 20, gegründet und betrieben wurde.

Der spätere Fabrikbesitzer Heinz Meyer (Firma: Holsatia-Werke Heinz Meyer KG Hamburg) wollte von ihm nach 1945 einen Persilschein*, dass er immer gut zu den 700 „Ostarbeitern“ gewesen sei. Diesen Schein hat Dimitry R. nicht unterschrieben. Heinz Meyer wohnte in Flottbek / Othmarschen, Noerstrasse 11. (Im Adressbuch von Hamburg, Strassenverzeichnis 1951 ist als Eigentümerin des Grundstücks eingetragen: Meyer, I. später: 1952-1965: Meyer, Frau Irmg.). Als Mieter: Meyer, Heinz, Fabrikt.). Heinz Meyer ist später gestorben. Hat aber seine Fabrik zurückerhalten, die sein Sohn später übernommen hat. Nach weiteren Recherchen stellt sich heraus: Die Firma hiess: >Holsatia-Werke Heinz Meyer KG< in Hamburg.

Tier
Zeichnung Helga Bachmann

Wir lügen selber ! Wie die Dänen sagen

PDF Wir lügen selber, wie die Dänen sagen (Zeichen 9.246)

Die Habgier ist weniger Ausdruck einer vorgesellschaftlichen menschlichen Natur als eines Mangels an Menschlichkeit.” (Zitat aus: Unsichtbares Komitee. An unsere Freunde. Edition Nautilus. April 2015).

Kurt Tucholsky hat in seinem Sudelbuch schon alles über die derzeitigen Spekulanten geschrieben: Text 340: ”Danke – wir lügen selber! wie die Dänen sagen.”

Das erste Konzept für die Umnutzung des Montblanc Simplo Geländes stammt vom Februar 1987. Geschrieben von Peter Jorzick für die Lawaetz Stiftung, bei der er damals beschäftigt war. Die Förderung örtlicher Beschäftigungsinitiativen. Vierzehn Seiten mit einer Kostenschätzung. Sechs DM pro qm sollten die Flächen kosten. Als Nettonutzfläche gibt das Konzept 5.000 qm an. Fünf Häuser zwischen Schanzenstrasse und Bartelsstrasse. Das Gelände war verschlossen. Wer es besichtigen wollte, mußte an einem Pförtner in der Bartelsstrasse vorbei. An dem kamen nur die Arbeiterinnen und Arbeiter vorbei, die hier arbeiteten. In der Schanzenstrasse war noch ein Eingang. Da durften nur die Angestellten von Montblanc rein. Es brodelte im Viertel. Herr Kurz hatte bekundet, er wolle sein Phantom der Oper auf dem Gelände unterbringen, wo bis dahin der Laden von 1000 Töpfe untergebracht war.

Das gehörte der Stadt und wurde von der Sprinkenhof verwaltet. Das konnte man dem Gebäude auch ansehen. Ich kramte meinen schwarzen Hochzeitsanzug heraus mit den spitzen schwarzen Schuhen und wir verabredeten uns vor 1000 Töpfe zum Sektumtrunk, um den anderen Bewohnern zu zeigen, wie es wäre, wenn hier bald das Phantom der Oper gespielt würde. Jedenfalls entstand ein ordentlicher Trubel anschließend. Dieser hatte zur Folge, dass auch im Rathaus Unruhe einkehrte. Ein Wegzug von Montblanc würde den Druck zusätzlich verstärken. Besetzungsgerüchte breiteten sich aus. Die Stadt entschloß sich für die Ausgabe von Beruhigungspillen an die Bevölkerung.

Wir vom Kino kamen zur rechten Zeit und waren am rechten Ort. In der Oelkersallee hatten wir in einem Nebenraum des Oelkerscafes mit dem Duckenfeld im Oelkerscafe angefangen. Jeweils Sonnabends, Sonntags und Montags zeigten wir dort mit 21 Sitzplätzen seit 1983 Filme. Filme, die im örtlichen Kinoprogramm keine Plätze gefunden hatten. Sechzehn Millimeter war unser Format. Ich arbeitete als Maschinenschlosser bei Blohm & Voss.

Damals konnte man schon absehen, daß dies nicht mehr lange gehen würde. Der Neubau von Schiffen bei Blohm & Voss. Wir bauten nur noch Kriegsschiffe. Und das, so beschloss ich, macht auf Dauer keinen Spass. Ein Kino macht da viel mehr Spass. Wir waren erst zu zweit. Der Maschinenschlosser ohne Perspektive und der Pförtner vom Bodelschwinghaus. Um an die örtlichen Fördertöpfe für öffentliche Mittel zu kommen, brauchten wir noch einen Dritten. Den wir fanden. Ein ehemaliger Sozialpädagoge, der sich auf Kinderbetreuung auf dem Land spezialisiert hatte. Montblanc war für uns der richtige Ort. Ein Kino mitten in der Stadt. Am Mittwoch, d. 29. März 1989 trafen wir uns beim Planerkollektiv mit Joachim Reinig in der Paulinenallee 32. In 2000 Hamburg 50. Von 15.00 – 18.00 Uhr.

Peter Jorzick wollte zunächst nur seinen Freund Ulf von Kieseritzky mit der Umbauplanung von Montblanc beauftragen. Doch wir hatten schon schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht. Beim Umbau des Bürogebäudes der Zeise Propeller Fabrik zu einem Filmhaus. Mit dem Planerkollektiv hatten wir keine schlechten Erfahrungen gemacht. Also wurde das Vorderhaus in der Schanzenstrasse von der Gemo K geplant (Haus 1), und die Häuser 2/3/4/ und 5 vom Planerkollektiv. Joachim Reinig schied vorher aus. Und unsere Ansprechpartnerin war Elinor Schuees und später (während ihrer Schwangerschaft) Karin Hänisch. Eine erste Besichtigung des Geländes fand im März 1988 statt. Ich zeichnete mir einen Übersichtsplan in mein Notizbuch. Für ein Kino kam nur das Gebäude zwei in Frage. Hätte man es abgerissen, dann würde man dort keinen Neubau genehmigt bekommen. Also wurde beschlossen, das Gebäude zu entkernen, die Aussenwände mit Zugankern zu versehen, damit sie während der Bauarbeiten nicht umfielen.

Von der oberen Etage solte nur die Fassade stehen bleiben. Dann sollte das neue Betondach auf eine verlorene Schalung gegossen werden. Nach der sog. “Anhandgabe” an Peter Jorzick wurde der Komplex am 5. Januar 1990 gekauft, habe ich meinem Notizbuch anvertraut. Ein Bauausschuss wurde gegründet, der sich am 4. April 1990 beim Planerkollektiv traf. Mit dabei GEMO K (Ulf von Kieseritzky), Elinor Schües und Karin Hänisch (Planerkollektiv) Rainer Zwanzleitner (Satz und Repro), Edith Mandelkow (Hotel), Wolfgang Meins (Rechtsanwälte), Andreas (Hapkido) und ich vom Kino.

Unsere Themen: Baufortschritt, Freimessung Asbest, Ausschreibungen, Auftragsvergabe, Antrag auf Fördermittel (ASE), Gift im Anbau, Mittelspannungsanschluß, Auflagen des Amtes für Denkmalschutz, Auftrag für Heizungsanlage vergeben (200.000,00 DM ohne neuen Kessel an Heiner Farchau vergeben.)

Der erste Tag im Kino war der erste Mai 1991. Noch im April wußten wir nicht so recht, ob bis dahin alles fertig würde. Doch dann erblickte die Leinwand das Licht des Projektors. Drei Tage war freier Eintritt. Das Hotel und die Gaststätte wurden schon im März eröffnet. Die Verwaltung wurde von einer neugegründeten GmbH übernommen, die zu 50 % der Stadt und zu 50 % der Handswerkskammer gehörte. Das lief mehr oder weniger gut.

Wir gründeten den Verein der Nutzer, den Schanzenhof e. V., in der alle Mieter Mitglied wurden. Auch die Volkshochschule. Eine bunte Mischung aus allem Möglichen. Im Gebäude eins (Später auch Haus A genannt), die Volkshochschule, die Rechtsanwälte, die Gruppe Arbeit und Gesundheit, das Satz und Repro Kollektiv, das Institut für Sozialgeschichte, Aktiv Reisen, die Wissenschaftliche Stiftung.

Im Haus 2 (später auch Haus B genannt) das Stadtteilkino mit 98 Sitzplätzen. Im Haus 3 (später auch Haus C genannt) der Jugendclub-Kinderzentrum KIZ, die Stadtteiletage mit ihrem Versammlungsraum, der Meditationsraum von Hapkido. In Haus drei die Ambulante Drogentherapie – Palette, Das Atelier von Serena Kahnert, die Freie Ambulante Pflegegruppe. Im Haus 5 (später auch Haus E genannt) in der Bartelsstrasse das Hotel Schanzenstern und die Gaststätte Schanzenstern, die Journalisten, Filmer und die Heilpraktikerinnen von Alchemilla.

Etwas am Rande der Legalität: Der Baugenehmigungsbescheid erfolgte am 21.01.1991. Grundbuchbezirk St. Pauli Nord Gemarkung Flurstück 2. 807, 836 Bauliche Anlage Nutzungsänderung und Umbau der ehemaligen Mont Blanc Produktions- und Verwaltungsgebäude in der Schanzenstr. 75 und Bartelsstrasse 12, Haus A – E, Abriß von Holzschuppen auf Flurstück 836, Unterschrift Kurpierz.

Über die Zeit als es uns gut ging, ist wenig zu berichten. Es hat mal durch die Betondecke des Kinos durchgeregnet und es hat eine Weile gedauert, bis der Schaden in der Dachfolie gefunden wurde. Aber das ist längst vergessen. Wann der Ärger genau begann?

Genau genommen mit dem Finanzsenator Herrn Wolfgang Peiner von der CDU. Aber das haben wir leider erst später begriffen. Es gab den zaghaften Versuch, das Anwesen selbst zu kaufen. Aber die Herren des Portfolios Schanzenhof haben uns nicht einmal geantwortet. Heute wissen wir auch warum.

Genau genommen ist es nur Werner Grassmann vom Abaton Kino gelungen, das Gebäude aus dem Portfolio von Wolfgang Peiner herauszulösen und es selber zu kaufen. Und das nur mit tätiger Unterstützung der Kulturbehörde. Werner Grassmann war dann selber bei Ole von Beust und hat ihn letztlich überzeugt, daß ein solcher Verkauf des Abatons kontraproduktiv ist.

In der Kulturbehörde gab es eine Referentin, Juana Bienenfeld, die geahnt hatte, welche Zukunft Kulturbetriebe unter der Spekulation haben würden: Keine. Sie hatte dafür gesorgt, dass vor dem Grundstücksverkauf das 3001 Kino einen Vertrag bekam, wo die Spekulanten erst im Jahre 2021 die Miete so erhöhen können, wie sie es jetzt schon mit den Kündigungen des Hotels und des Restaurantes Schanzenstern, der Drogenberatung Palette und der Künstleretage vormachen.

Vollmundig belügen sie Presse: Das Kino wollen sie erhalten. Nur gut, dass sie im Moment nicht können, was sie wollen. Gnade uns Gott, haben wir uns im Kino gesagt. Wenn wir es jetzt nicht schaffen, dass die Stadt das Gebäude zurückkauft, dann sind wir verratzt, wie alle anderen, die schon gegangen oder ausgezogen sind.

Es gab 2006 noch einen Gewerbehof an der Stresemannstrasse, wo ein Handwerksbetrieb ebenfalls versucht hatte, das Gebäude zu kaufen. Auch die sind gescheitert. Dann kamen diese neuen Mietverträge von der DIC aus Frankfurt. Nicht mehr 13 Seiten, wie die mit HaGG, sondern welche mit 35 Seiten, in denen stand nur, was sich alles nicht machen. Und heute wissen wir es. Fast zehn Jahre später ganz genau.

Sie unterscheiden sich in keiner Weise. Sie entscheiden, was sie reparieren und was nicht. Das Wort Instandhaltung fehlt in ihrem Wortschatz. Es ist ihnen kurz gesagt, alles scheissegal. Sie vermehren nur ihr Geld. Geld das sie uns aus der Tasche ziehen. Wenn die Steine aus den Fensterstürzen auf den Hof fallen, dann nageln sie Holzlatten davor, damit die Fenster und die Steine den Leuten nicht auf den Kopf fallen.

Wenn der Heizkessel im Alter von 35 Jahren seinen Geist aufgibt und nicht mehr elektronisch zu regeln ist, dann erzeugen sie Wärme eben ohne Regelung. Wenn die Regenwasserzisternen im Wege sind, dann werden sie einfach zerkloppt. Wenn in der Folge der fehlenden Regenwassernutzung für die Toilettenspülung die Wasserkosten unermeßlich steigen, dann überbürden sie diese einfach komplett auf die Mieter, die sie ohnehin los werden wollten. 6.000 oder 7.000 Euro kümmern sie nicht. Bent Jensen von der Schanze 75 GmbH: “Das macht wirtschaftlich keinen Sinn.“ (Die Wiederherstellung der Regenwasseranlage). Und doch wäre es mit wenig Geld so leicht zu machen gewesen. Zuerst wird das Kinderzentrum von der Jugendbehörde zum Umzug gezwungen. Es sei angeblich sinnvoll, wenn das Kiz geschlossen wird und in das Haus der Jugend am Pferdemarkt umzieht. Noch ein weiteres Projekt aus der Beckstrasse wird von der Behörde zu einem solchen Umzug gezwungen. Dann verschwindet die Heilprakterinnen Schule Alchemilla.

Die Kursteilnehmerinnen sind nicht besonders zahlungsfreudig und der Schuldenberg führt zu einem kurzfristigen Auszug. Die Umstellung in der Druckindustrie ist gewaltig und macht auch vor der Firma Satz und Repro keinen Halt. Rainer Zwanzleitner und seine Kolleginnen sind die Opfer dieser Entwicklung. Zuletzt verschwinden auch noch die Anwälte aus dem Schanzenhof. Und wenn jetzt keine Umkehr erreicht wird, dann verfällt das Gebäude weiter, während die Mieten immer weiter steigen. 30. Oktober 2015. Jens Meyer

Klostergarten Bäume gefällt
Fotos Jens Meyer