Lesen hilft – Einige Tucholsky Zitate

Und noch ein Text, der es wert ist, das man ihn zitiert. (1)

Aus: Wo waren sie im Kriege Herr -?.….“Ich habe mich dreieinhalb Jahre im Kriege gedrückt, wo ich nur konnte – und ich bedaure, dass ich nicht, wie der große Karl Liebknecht, den Mut aufgebracht habe, Nein zu sagen und den Heeresdienst zu verweigern. Dessen schäme ich mich. So tat ich, was ziemlich allgemein getan wurde: ich wandte viele Mittel an, um nicht erschossen zu werden, und um nicht zu schießen – nicht einmal die schlimmsten Mittel. Aber ich hätte alle, ohne jede Ausnahme alle, angewandt, wenn man mich gezwungen hätte; keine Bestechung, keine andre strafbare Handlung hätte ich verschmäht. Viele taten ebenso. Und das nicht, weil wir etwa, im Gegensatz zu den Feldpredigern, Feldpastoren, Feldrabbinern, die Lehren der Bibel besser verstehen als sie, die sie fälschten – nicht, weil wir den Kollektivmord in jeder Form verwerfen, sondern weil Zweck und Ziel dieses Krieges uns nichts angehen. Wir haben diesen Staat nicht gewollt, der seine Arbeiter verkommen läßt, wenn sie alt sind, und der sie peinigt, solange sie arbeiten können; wir haben diesen Krieg nicht gewollt, der eine lächerliche Mischung von Wirtschaftsinteressen und Beamtenstank war, im wahren Sinne des Wortes deckte die Flagge die Warenladung. Wir hatten auch nicht den kümmerlichsten Einfluß auf die Gestaltung der Politik, und Sieg und Niederlage berühren uns nicht. Was hätten wir davon gehabt, wenn Nancy, Antwerpen und Warschau deutsch geworden wären? Wir hätten uns das Brot genauso verdienen müssen wie vorher – genauso so schwer, denn Beamte in neueroberten Gebiet haben wir nicht werden wollen. So, wie einem Calvinisten wohl verständlich gewesen ist, dass man gegen ihn war, aber nicht, dass man sich um den Streit der Sekten überhaupt nicht kümmerte, so kümmert uns der Nationalismus, dieser Nachfolger der Religion, nur insofern, als es gilt, ihn zu bekämpfen. Er läßt uns kalt . . .

(Aus Gesamtausgabe Kurt Tucholsky, Band II, Seite 391-392, von 1926)

Und noch ein Text, der es wert ist, das man ihn zitiert. (2) Man könnte meinen, das wäre gestern geschrieben worden, als sie die große Koalition beschlossen hatten. Dabei hat Tucholsky diesen Text 1926 geschrieben: (Aus dem Text: DIE ERSTAUNTEN)

“ …Aber das Verbrechen der Sozialdemokraten und leider auch vieler Pazifisten besteht darin, daß sie ihre Grundsätze willenlos hingegeben haben. Ich kann mir denken, daß einer nach Hause kommt und spricht: >Ich habe alle meine Prinzipien geopfert, ich habe Verrat begangen, ich bin um viele Ellen zurückgewichen – der tote Bebel würde sich im Grabe herumdrehen. Aber: ich habe dafür eingehandelt: den Achtstundentag, die Abschaffung der Wehrpflicht, eine Justizreform. Hier sind meine Erfolge. Es war nicht sehr schön, wie ich sie errungen habe. Aber hier sind meine Erfolge.<

Doch seine Prinzipien alle, alle bis zum letzten Opfer, kein Haar am eigenen Programm unzerrissen lassen, kein Satz, den man nicht abgeschworen, keine Gelegenheit, wo man nicht gekniffen, keine Erniedrigung, die man nicht heruntergeschluckt hätte – alles, alles, alles hinzugeben und dann nichts dafür nach Hause zu bringen: das ist nicht Realpolitik, wie uns die geölten Herren erzählen wollen – das ist dumm und feige zugleich. Und unehrlich.

Denn letzten Endes ist ja dieser Mangel an Mut nicht so sehr parlamentarische Geschicklichkeit, wie uns diese Nicht-Politiker und Publizisten vormachen wollen – es ist ja nur das sichere Symptom dafür, daß sich in diesen Kreisen eben nichts geändert hat, daß diese Leute insgesamt auch heute noch Kriegskreditbewilliger sind; daß ihnen angst und bange wird, wenn ihnen jemand vorwirft, sie seien nicht >national< ; daß sie nicht den inneren, den geistigen Mut finden zu antworten: >Nein. Wir sind selbstverständlich nicht national und wollen es auch gar nicht sein<.

Sie sind es, und sind es immer gewesen. Und sie sind unbelehrbar. Von hundert parlamentarischen und journalistischen Niederlagen nach Hause geschickt, verprügelt, mit ausgefransten Hosen und verbeulten Hüten, gehöhnt, mit Bier begossen und von oben bis unten mit Spott bekleckert: so stehen sie da und sind Taktiker, Strategen, voll von subtilsten Kniffen, die ihnen nicht über den kleinsten Rinnstein helfen. Da wollen wie sie stehen lassen . . .“

Aus: “Die Erstaunten“ (Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke, Band II, Seite 119, (1926)

Der SPD ist es vorbehalten geblieben, einen neuen Verrätertypus in die politische Geschichte eingeführt zu haben: den Judas ohne Silberlinge.“  (Kurt Tucholsky in Dreibändige Gesamtausgabe, Band II, Seite 1329)Die Sicherungsverwahrung“ (1928)

Wenn die Sozialdemokratie wiederum – zum wievielten Male! – ihre Anhänger verraten will, so ist das deren Sache. Wenn diese Partei aber glaubt, höchst listig gehandelt zu haben, so muß ihr gesagt werden, daß sie, wie immer, höchst dämlich handelt – sie hat bisher bei allen Koalitionen kein Kompromiß, sondern immer nur Kompromittierungen erreicht – und was sie dieses Mal vor hat, ist schlimmer als das.“ (Kurt Tucholsky in Dreibändige Gesamtausgabe. Dünndruck. Band II. Seite 1331). Titel: “Die Sicherungsverwahrung“. (1928)Tieresehendichan3

Foto Jens Meyer
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Clara Esslen Heinz B. Heisig und die Volkshochschule 16. Oktober 1938

Das Ende einer Legende. Heinz B. Heisig – Ein Widerstandskämpfer

25 Filmbeispiele zeigen: Wer gut mit den Nazis kooperiert (Clara Esslen, Heinz B. Heisig, VHS) braucht kein Mitglied zu werden. „Clara Esslen Heinz B. Heisig und die Volkshochschule 16. Oktober 1938“ weiterlesen

Schon wieder ein Kindergarten abgerissen

P1050059BartelsstrasseAber wer braucht schon Kindergärten?P1050060BartelsstrasseBy-nc-sa_colorNilpferd7Fotos Jens Meyer

Mein Vater und der Hamburger Aufstand

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Vom Steuerberater zum Millionär. Die Geschichte ist so ähnlich wie die vom Tellerwäscher zum Millionär. Nur realistischer. Der Mann um den es hier geht, ist von Beruf Steuerberater. Er nennt sich Steuersyndicus und ist arbeitslos. In der Zeit, als auch mein Vater arbeitslos ist. Sie wohnen im gleichen Ort. Er und mein Vater. In Bergedorf. Mein Vater hat eine Lohnstatistik angelegt. Wieviel er im Monat verdient. 1921 bekommt er monatlich 125,00 RM. 1922 steigt sein Gehalt auf 200,00 RM monatlich. Aber schon im April 1922 verdient er das doppelte 400,00 RM. Im Dezember 1922 bekommt er schon 7.000,00 RM. Im Oktober 1923 ist sein Gehalt schon auf 313.842.800.00,00 Reichsmark angestiegen. Dann die Gehaltskürzung. Im Dezember 1923 bekommt er nur noch 52,00 RM. Was ist da passiert? Hat er beim Hamburger Aufstand im Oktober 1923 mitgemacht? Grund genug hätte er ja gehabt. Aber kein Zeitzeuge berichtet davon.

Der Steuerberater, von dem hier berichtet wird, ist offensichtlich einem anderen, einem erfolgreichen Weg gefolgt, der ebenfalls in Hamburg Bergedorf möglich war. 1927 tritt er als Steuerberater in eine Firma ein, die zwei jüdischen Kaufleuten gehört. Er arbeitet sich hoch. 1932 ist er bereits Prokurist dieser Firma, die zu diesem Zeitpunkt bereits, durch diverse Neubauten, eine marktführende Position im Kinogewerbe in Hamburg hat. Er wird zu Verhandlungen nach Berlin geschickt. Zusammen mit einem der Inhaber dieser Firma. Sie verhandeln mit der großmächtigen UFA über eine Beteiligung oder einen Verkauf. Während der Verhandlungen nimmt sich einer der beiden Inhaber am 27. Januar 1933 das Leben. Die Verkaufsverhandlungen werden abgebrochen. Die UFA ist der Meinung, dass der Verkaufspreis dieser Firma in den nächsten Monaten weiter fallen werde.

Am ersten Mai 1933 ist es dann so weit. Der Prokurist einer jüdischen Firma wird Mitglied der NSDAP. Schon bald wird die Firma ihm gehören. Und so kommt es dann auch. Zu seinem Leidwesen können die restlichen Besitzer aus Deutschland fliehen. 1943 sind die meisten Kinos dieser Firma durch Bombenangriffe der Allierten zerstört. Der Prokurist investiert das angehäufte Geld in Immobilien. Von denen er 1945 eine Reihe sein eigen nennt. Eins in der Adolphstrasse 22 (heute Herbert Weichmannstrasse 22), vier in Husum (fast eine ganze Strasse in der Volquard Paulstrasse 18/20/22/24), eins in Flensburg, in der Moltkestrasse 38, zwei  in Wyk auf Föhr, das Kurhotel, Sandwall 23 und das Haus Daheim, Sandwall 60, eins in Ahrensburg in Hollstein, Jungborn 20. Alle Häuser ohne Bombenschaden. Nein, arm sind sie nicht geworden in den 12 Jahren. Auch dem Herren, der sie bei der „Arisierung“ (Enteignung) so gut unterstützt hatte, ging es nach dem Kriege nicht schlecht. Er sammelte in diesem 12 Jahren eine Menge Geld ein. Ein Haus an der Elbchaussee 99 (heute Elbchaussee 454), ein Haus in Kampen auf Sylt, Lerchenweg 5 („Paradieschen“). Ein Kino in Kiel am Dreiecksplatz. Achja. Da war doch was? Die Wiedergutmachung. Eine Kinobesitzerin in Hamburg meinte, sie hat nichts wieder gut zu machen. Die Justiz im Nachkriegsdeutschland ist auf ihrer Seite. Dafür musste sie nicht einmal in die Nazipartei eintreten. Im Gegenteil. Sie hat eben nur die Gunst der Stunde genutzt. Mein Papa hatte 1945 immerhin noch das Büchlein mit der Gehaltsstatistik, das er seinem Sohn hinterlassen hat.IMG_6176Hamburg Bergedorf, Glindersweg 47 Foto vom 23. Mai 2018. Hier wohnten meine Eltern von 1937 – 1967. Und ein Foto von 1952.Glindersweg1952P1040974Hamburg Bergedorf, Karolinenstrasse 10 (Heute Möllers Kamp 10). Hier wohnte der genannte Steuerberater. Später kaufte er zusammen mit seinem „Kameraden“ ein Haus in der Adolphstrasse 22 (Heute Herbert Weichmannstrasse 22) in Hamburg Uhlenhorst. Unter dem haben sie es nicht gemacht.P1040973P1040985By-nc-sa_colorNilpferdeinaugeFotos Jens Meyer

Aufnahmen vom 23. Mai 2018IMG_6212P1050014P10500581950 haben die beiden Arisierer es fast geschafft. In der Adolphstrasse 22 (heute Herbert Weichmannstrasse 22), einen Steinwurf entfernt von der Alster, besitzen sie ein Villa. Eine Villa mit sechs Wohnungen. Versteckt hinter Bäumen. Wie sichs gehört. Von den enteigneten zwölf Kinos der jüdischen Besitzer gibt es nur noch eins. Die restlichen Kinos wurden von allierten Bomberpiloten zerstört. Die vorhandenen Trümmergrundstücke, einstmals im Besitz des Henschel Film und Theaterkonzerns,  überlassen sie gerne dem Wiedergutmachungsprozess. Die Flüchtlinge von damals wollen in dieses Land nicht zurückkehren. Einige von ihnen, denen man die deutsche Staatsangehörigkeit weggenommen hatte, beantragen die Deutsche Staatsangehörigkeit neu. Und bekommen sie. Einer von ihnen will die deutsche Staatsangehörigkeit nicht wiederhaben. Das ist die Ausnahme.Tieresehendichan3

Eine teure Flucht

Was kostet 1938 ein Pass? „Eine teure Flucht“ weiterlesen

Fotografien von John Holler

alsterlichtspielegroß1Fotograf John Holler, 20.09.1950Pamirholler2By-nc-sa_colorNilpferd7 Pamir

Fotos von John Holler

(1909 – 1996)

 

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